Bis ans Ende der Welt. Kapstadt 2017.

Wenn man in der Werbung arbeitet kommt man um Kapstadt nicht drumherum. Ganze Herrscharen von Werbeschaffenden reisen das ganze Jahr von Nord- nach Südhalbkugel und andersrum, um jeweils die andere Jahreszeit vor die Linse zu bekommen. “Antizyklisch” heisst die Sportart und ist verwandt mit dem Kauf von Radsportbekleidung, solange man noch nicht die kleine Schwarze von American Express angeboten bekommen hat.

Für mich war es im Januar wieder soweit. Der Hagebaumarkt brauchte Tentakel Aliens. Seit “Smart Homecoming” stecke ich in dieser Schublade. Das für den Radsport interessanteste Konzept bei Werbedrehs nennt sich “Downdays” – also Tage, an denen es keine echte Aufgabe für mich gibt, es aber zu teuer ist, mich nach Hause zu fliegen, weil es danach wieder weitergeht. Derer hatte ich dieses Mal sogar zwei. Der Blick dabei auf Pool, Atlantik und Models war zwar toll – aber langsam. Also beschloss ich aufzusatteln und ans Ende der Welt zu fahren: zum Kap der guten Hoffnung, dem südwestlichsten Punkt der alten Welt.


Pina war nicht dabei, daher brauchte ich ein Leih-bike. Kapstadt hat eine Menge Anbieter, die jeden Bedarf decken. Google ist hier Euer Freund. Operation “Cape Point” wurde spontan entschieden, daher konnte ich im Zeitfenster kein Bike mehr aufs Hotel bestellen. Ich brauchte einen Shop zum Reinlaufen. Werber sprechen hierbei von “Walk in”. Heißt auf Deutsch zwar auch “Reinlaufen”, klingt Englisch aber wichtiger. Klappt aber auch nicht immer. “Capri Sun” statt “Capri Sonne” ist eine Katastrophe.

Giant Cape Town hatte offen und ein Angebot. Zwar einfache Kategorie, aber ohne Klickpedalen! Danach konnte ich die nicht mehr so richtig ernst nehmen. Ich ging ausweichend zu den Souvenirs und nahm ein paar schöne Trikots eines lokalen Bike Cafés mit, um mich davonzustehlen.

Raus aus dem Shop wurde mein Dealer vor Ort dann ein Laden namens Bikes’n Wines. Zwar auch einfachere Kategorie, aber dafür mit Shimano SPD-SL oder Look Click-Pedalen und Espressobar. Hier schöpfte ich wieder Hoffnung, in den Südafrikanischen Radsport.


Die Route wurde eine Mischung aus Strava Recherche und Locals, die einen Blick auf die Planung warfen. Die grobe Idee war: runter bis zum Kap der guten Hoffnung und zurück im Uhrzeigersinn – möglichst ohne Sonnenbrand und 42er Schnitt. Gut, das mit dem Schnitt, hat nicht ganz geklappt. Mit Carbon Flaschenhaltern hätte es bestimmt was werden können, aber ‘who knows’. Sightseeing Plan war: Indischer Ozean auf der Hin-, Atlantik auf der Rücktour.

Ich verließ mein Hotel und raste die Strand Street runter, als ich an der Ampel mit einem lokalen Fahrer ins Gespräch kam.

Lustigerweise hat er am Abend vorher “Viktoria” gesehen, an dem unsere Crew letztes Jahr mitgearbeitet hat (Ja, es ist wirklich nur ein langer Take, keine Schnitte). So wurde die Route auf ein Plausch abgeändert und er zeigte mir Woodstock Cycleworks: ein cooler Laden, Stahlrahmen, exzellenter Kaffee. Ein echtes Cycle Café. Für zukünftige Planungen mein neuer Startpunkt für Kapstadt. (Für Interessierte des Longboard Sports ist um die Ecke übrigens der Workshop von meinem Board Shaper Kent Lingeveldt. Für Longboards die beste Adresse in der alten Welt).

Nach einem Espresso bei Woodstock Cycleworks schoss ich raus aus Downtown, direkt durch den Querschnitt Kapstadts. Raus durch verschiedene Neighborhoods über die Vineyards Constantias bis zur ersten Steigung, rüber zu einem Ort namens Noordhoek. Endlich Weitblick. In meinem inneren Ohr lief Blumentopf mit “Fenster zum Berg”. Sonnencreme wurde meine zweite Haut.

Danach endlich eine Abfahrt. Dieses Mal ohne Scheibenbremsen, Jippie. Der Blick wechselt vom Indischen Ozean zum Atlantik. Man glaubt es nicht, aber die beiden sehen echt anders aus. Nach der Abfahrt gab ein kurzes Flaschen Refill an einer Tanktstelle, bereit für den nächsten Anstieg rüber nach False Bay, dem Ort mit der höchsten Dichte an weissen Haien auf der Welt. Laut meinem Chaperone schwimmt da immer noch “The Great White” rum, den Augenzeugen mit der Grösse eines Dinosauriers beschreiben. Während ich die Abfahrt wieder mit Blick auf den Indischen Ozean mit Escape Speed betreibe, überschlage ich, wie viel Watt so ein Muskelberg von weissem Hai wohl mit SPD-SL Cleats auf die Pedale bringen würde und ob er wohl eine Links- / Rechtsverteilung hätte (dieselben Muskeln bedienen ja schließlich  Links UND Rechts).

Ich sah keinen weißen Hai aus dem Wasser springen. Von daher bliebt es friedlich und hieß ab hier endgültig “Scenic Ride”. Ich blieb am Atlantik und durchquere malerische Orte und einen Marine Stützpunkt. Nachahmer sollten unbedingt in meinem Lieblings Fisch Restaurant, dem Kalk Bay Harbour House dinieren oder sich alternativ gleich daneben ein frisches Fish’n Chips  holen. Weiter im Text kommt nach Simon’s Town das touristische Epizentrum des schwarzen Kontinents: Die Pinguine am Boulders Beach. Ich dachte beim ersten Mal auch, dass die mich verarschen wollen, aber es gibt hier wirklich Pinguine. Man weiss gar nicht, was die wirkliche Attraktion ist: die Pinguine am Strand oder die Touristen davor. Wer es auch machen will, kann folgenden Trick benutzen: Nicht in die Touri Attraktion fahren, sondern der Strasse weiter folgen. Auf der anderen Seite des Strandes (südlich) gibt es einen Parkplatz, von dem aus zu Fuß runter zum Strand kann. Man klettert über die Felsen und steht dann direkt zwischen den Pinguinen – ohne Touristengruppen. Das Ganze funktioniert nur bei Ebbe. Bei Flut ist der Zugang versperrt. Daher vorher unbedingt Google checken.

Mir war aber nicht schon wieder nach Pinguinen. So rauschte ich weiter den Indischen Ozean entlang, um mich über die nächste Steigung wieder dem Atlantik zu widmen. Ich bog auf die lange Straße zum Kap ein. Vorher muss man an der Schranke zum Nationalpark und dem zugehörigen, Fahrradfahrer fressenden Bodengitter vorbei. Ich bezahlte brav meinen Eintritt (Cash und Kreditkarten werden akzeptiert). Mein Chaperone meinte, ich hätte als Radfahrer auch lächeln, winken und durchfahren können, aber da schlug meine nach Ordnung strebende, deutsche Seele durch. Die gleiche deutsche Seele hätte hier gern sofort einen Bautrupp hinbeordert. Der Belag hinter der ersten Kurve stammt wohl noch aus der Kolonialzeit.

Durchgerüttelt vom groben Asphalt überlegte ich, ob ich doch noch eine andere Biege mache. Man kann den südwestlichsten Punkt des Kontinents  oder den Leuchtturm ansteuern. Mit genügend Zeit kann beides machen. Ich blieb beim Kap. Leuchttürme habe ich zur Genüge gesehen. Ich bog rechts in die kleine Abfahrt zur Küstenstraße runter ab.

Dann war es soweit. Unter Peitschen des Atlantiks zur Rechten und festen Blick auf den Indischen Ozean voraus, raste ich auf das Ende der Welt zu. Früher muss das echt ein Abenteuer gewesen sein. Heute stehen vollklimatisierte Reisebusse davor. Die einzige Gefahr heute ist wohl, dass ein Typ in Radklamotten das Selfie bombt. Ich klickte aus. Was für ein langweiliger Ort. Steine und zwei Ozeane. Menschenmengen pressten sich um ein Schild mit der Aufschrift “Cape Of Good Hope” samt GPS Koordinaten. Wie langweilig. Ich überlegte mir, weiter hinten ein Schild aufzustellen und Geld zu nehmen: “The End of the World”. Oder ein Schild mit zwei Pfeilen: <- The Indian Ocean | The Atlantic -> . Aber ich war ja auf Downday.

Egal. Ich schoss ein paar Fotos und machte mich auf den Rückweg. Diesmal mit dem Atlantik zur Linken und später dem Indischen Ozean zur Rechten.

Ich muss zugeben: Irgendwie hatte ich auf dem Hinweg schwere Beine. Auf dem Rückweg nach Norden klappte es dann. Der Schwung passte, die Hügel wurden weggetreten und ich erreichte meinen geplanten Stop bei “The Village Hub” im Nu. Am nächsten Tag sollte ich den Grund dafür kennenlernen.

Kurze Zeit später stand ich vor dem Eingang zum Chapmans Peak Drive, der berühmtesten Strasse der Werbung überhaupt. Zwischen 1915 und 1922 in die Steilwand zwischen Granit und Atlantik geschlagen, gesprengt und gekratzt, ist die Strasse ein in 114 Kurven gehauenes Kunstwerk aus Asphalt und Stein. So ziemlich jedes Auto der Welt fuhr hier einmal werbisch in den Sonnenuntergang. Allerdings ist sie auch nicht ganz ungefährlich. Anfang der Neunziger hauten es einen Mercedes in den Abgrund. Der Fahrer überlebte, woraufhin Mercedes-Benz daraus einen Werbespot machte. Er konnte nur überleben, weil er a) angeschnallt war und b) einen Mercedes fuhr – so die Botschaft. BMW konterte kurze Zeit darauf. “Macht es nicht Sinn, einen Wagen zu fahren, der in der Spur bleibt?” Chapeau BMW. Der Mercedes liegt heute noch da. Die Bergung ist zu aufwändig. Der BMW steht vermutlich beim Besitzer in der Garage.

Heute wollte ich aber nicht schon wieder Klippen runterstürzen, sondern den Chapman Peak Drive seiner einzig wahren Bestimmung zuführen: auf 25mm Gummi und einer Konstruktion aus Aluminium mit ihm die Grenzen der Physik brechen. So zumindest in meiner Erinnerung. Charmanter Side-Effect meiner Routenplanung im Uhrzeigersinn war übrigens, dass man in Süd-Nord Richtung direkt am Meer entlangfährt, da in Südafrika ja Linksverkehr gilt.

Ich bin da ja schon ein paarmal lang, aber auf einem Rennrad ist das echt nochmal was anderes. Die Strasse zusammen mit dem Blick ist phänomenal. Besonders die Abfahrt vom Chapmans Peak runter ist ein einzigartiger Cocktail aus Gummiabrieb, gesalzener Luft und Adrenalin. Weiter unten setzt sich die Szenerie fort.

Entlang der Küste jage ich szenisch den Atlantik entlang, um in einem Vorort Kapstadts names Hout Bay auf “Die Rampe” zu steigen. Ein endlos gerader Anstieg rüber nach Kapstadt. Dadurch, dass man das Ziel stets vor Augen hat, wähnt man sich die ganze Zeit kurz davor. Jedoch hört es nicht auf! Streckenweise dachte ich, ich sei auf der Rolle und schaue mir ein YouTube Video an.

Danach folgt das grosse Finale: Die Abfahrt nach und durch Kapstadt. Als erstes kommt Camps Bay. Die Felszunge dort ist der beste Platz für Sundowner in der Stadt und die wohl am meisten fotografierte Kulisse der Fashion Fotografie. Das “The Grand” an der Promenade dort ist der beste Ort, um gegrillte Mini Calamaris zu essen. Selbst ausgesprochene Seafood Hasser haben danach davon geschwärmt. Weiter oben kann man einen exzellenten Sundowner bei Wein und Essen im “The Bungalow” machen. Lustigerweise habe ich dort, 13.000km von Italien entfernt, meine bislang beste Burrata gegessen.

Die darauf folgende Beachroad ist wie eine kleine Sightseeing Tour durch die Waterfront Kapstadts. Green Point beherrbergt mein Lieblings Steak Restaurant, das Hussard Grill. Viele sagen, das Filet on the Bone dort, sei der Steak Moment Ihres Lebens gewesen. Weiter hinten folgt das Stadion, welches für die Fussball WM gebaut wurde und abschliessend die VMA Waterfront – eine Shopping Mall wie überall, aber trotzdem irgendwie schicker. Vermutlich liegt das am Wetter.

Kurze Zeit später klicke ich aus meinen geliehenen Klickpedalen aus und schiebe das Bike aufs Zimmer. 150km in Januar sind ohne Sonnenbrand rum. Ich kehre an den Pool zurück. 42km/h Schnitt sollten am nächsten Tag folgen*.


*) …in eine Richtung

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