Ötztaler 2018 / Ep.3 // Die Wattpedale

Zwei Rennfahrer aus dem Norden melden sich für den Ötztaler Radmarathon 2018. Zwei Blogs berichten über die Vorbereitung aus zwei Perspektiven. Auf VeloQ.de findet Ihr die ganze Rennradfahrer Wahrheit. Cervelobabe.com kommentiert von der Seitenlinie.

Hier geht’s zum Gegenartikel auf Cervélobabe.com


Man wird nicht schneller ohne das richtige Equipment. Das lernt man beim Rennradfahren ab Tag 1. Gerade wenn man auf das frisch ersparte, sorgfältig ausgesuchte und dann als Schnäppchen gekaufte Rad gestiegen ist, wird man überholt. Einfach so und freihändig. Diese erste Demütigung ist der Nabelschnurschnitt bei der Geburt eines Rennradfahrers. Ab diesem Tag an arbeitet das Ego von innen und der Geldbeutel von außen daran, diese Schmach ungeschehen zu machen. Es kann schließlich nicht sein, dass der/die/das einfach so schneller war. Es muss das Equipment sein. Mit „dem Material“ wäre ich auch so schnell. Und so wird gekauft und geordert, Budgetpläne angelegt und Autoreparaturen verschoben, mit dem Ziel, irgendwann DAS Setup zu haben. Ganze Rennradforen im Internet verschreiben sich sektenartig der Kaufberatung und anschließenden Seelsorge nach einem Reifenmanteldurchstoss durch einen norddeutschen Glassplitter von 1mm Durchmesser.

Und dann kommt der Tag. Ein unbekanntes Rennrad taucht auf 12 Uhr auf der Hausrunde auf. Der frisch gekaufte Rad-Computer mit der Rechenleistung der gesamten Apollo 11 Mission zeigt knapp 23km/h an. Die Flaschen in den Carbon Flaschenhaltern sind noch gut gefüllt. Das wird der Tag sein, an dem das Imperium zurückschlägt. Sensoren an den Kurbelarmen erfassen erhöhte Trittfrequenz, Blut fließt am Herzfrequenzsensor vorbei. Nur wenige Minuten später dann: Kontakt. Das Schnaufen wird kurzzeitig unterbrochen, das Ziel ist getroffen und wird hinter einem zurückgelassen. Ein armes Anfänger Schwein, was sich gerade von seinem Gesparten ein sorgfältig ausgesuchtes Erstbike gekauft hat. Er hat es im Sale bekommen. Er wird vom eigenen minutiös getunten Carbon Geschoss mit 25,3km/h überholt. Einfach so. Fast freihändig. Endorphine fluten die Venen.

Beseelt von dem Ereignis entfacht sich die persönliche Carbon Rüstungsspirale frei von allen Genfer Konventionen. Kein Teil, das plötzlich nicht ausgetauscht werden muss. Lenkerband? Schrott. Lightweight mit Perforation sagt die Sekte. Dann aber doch mit Gel Pads drunter, ist sonst so unbequem. Flaschenhalter? Carbon bringt 2 Gramm. Dura-Ace ist ist zu teuer? Zumindest die Dura-Ace Kette könnte man sich leisten. Stifte sind hohlgebort. 1 Gramm leichter, bis sich nach der ersten Fahrt Dreck darin gesammelt hat. Ritzel um Ritzel, Zug um Zug und Schraube um Schraube wird beäugt, abgewogen, eingebaut, ausgetauscht und wieder verworfen, bis man schließlich „bei den“ landet. Es gibt nur eine einzige Komponente beim Rennrad, welches den Artikel „bei den“ im Satz verwendet. Man ist angekommen „bei den“ Laufrädern. Der feuchte Traum einer fiebrigen Rennradfahrer Fantasie. 80mm hohe Flanken aus mattschwarzem Carbon, direkt aus der Raumfahrt. Man braucht man Ventilverlängerungen, um das überforderte Ego überhaupt aufgepumpt zu bekommen. Von hinten ankommend verbreitet der dumpfe Sound des Carbons vermischt mit den schneidenden Geräuschen der rasierklingenscharfen Messerspeichen so viel Angst und Schrecken, dass unerfahrene Fahrer sofort in den Graben springen um Deckung zu suchen. Man muss damit nicht mal schnell sein. Schon die bloße Präsenz sorgt dafür, dass andere Fahrer sich nicht trauen zu überholen. Laufräder sind zweifelsfrei die unübersehbare nukleare Abschreckungswaffe im Rennrad Waffenschrank.

Laufräder sind zweifelsfrei die nukleare Abschreckungswaffe im Rennrad Waffenschrank.

Lange dachte ich, das wäre die höchste Evolutionsstufe. 1.432g für ein Monatsgehalt. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Diesmal durch eine Demütigung verbaler Art. Es kam in Form dieser Frage angeflogen: „Wie viel Watt trittst Du Spitze?“. Ich hatte keine Ahnung. Es gleicht der Ohnmächtigkeit, nicht sagen zu können, wie schnell man gefahren ist. Oder die Frage schuldig zu bleiben, wie leicht das Rennrad ist. Es fühlte sich an wie ein Regelverstoß und erwischte mich eiskalt. Indem ich irgendwas vor mich hin stotterte, gelang mir ein geordneter Rückzug. Zurück in der Basis ging es also wieder los. Blogberichte, die Vor- und Nachteile von beidseitiger Messung, Do it yourself Wattmesser – das ganze Internet wurde in das Lagezentrum geladen und ausgewertet.

Und nun ist es soweit. Pünktlich vor dem Ötztaler ist meine neue Geheimwaffe in Form von zwei niegelnagelneuen Watt Pedalen angekommen. Von außen getarnt und kaum als solche erkennbar, wird mich dieses technologische Wunderwerk ab sofort mit exakten Daten zur aktuellen Triebwerksleistung versorgen. Ich werde dadurch im Bereich der Cyber Rüstung endlich den entscheidenden Informationsvorteil erlangen. Fahrt nur vorweg ihr Unwissenden! Verausgabt Euch nur. Wir sehen uns gleich wieder. „Einfach so fahren“ ist ja so lapidar 2017. Ab jetzt werden auf die Nachkommastelle berechnete „Pacing Strategien“ umgesetzt! Rennrad fahren ist schließlich kein Spaß. Und Besitzer von Wattpedalen wissen: Wer länger fahren kann, ist am Ende schneller. Und das ganze für nur 599 EUR – ein echtes Schnäppchen.

Heute – knapp 1,5 Wochen vor dem Ötztaler – fuhr ich mit meinen neuen Wattpedalen im präzise gemessenen GA1 Bereich, als eine Windböe in Form einer Commuterin mich zur Seite wirft. Ich wurde überholt. Von einem Time Trial Bike. Samt Scheibenrad. Und Tropfenhelm. Einfach so. Verdammt.

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