Der Ötztaler

Die Wüste

Ich sitze in der Airport Lounge eines Ortes namens Dubai. Dubai ist flach, trocken, heiß und voller Sand. Das einzige, was hier einem auf dem Rennrad gefährlich werden könnte, ist ein Kamel. Ein Kamel, in das man betrunken reinfährt. Dabei ist das Kamel selbst gar nicht gefährlich. Es ist weich und sieht lustig aus. Es ist die Tatsache, dass man betrunken ist und ein Kamel gerammt hat. Beides steht hier unter Strafe. Verbunden mit Arrest und Polizei verhindert es das Rennradfahren und ist somit gefährlich. Während ich also mit Drink in der Hand auf den Sand hinter Beton starre, stelle ich fest, dass Dubai das inversive Gegenteil von Sölden ist. Jenem Ort, an dem ich 2018 einer Freizeitbeschäftigung namens Ötztaler Radmarathon frönen durfte.

Mein Negatives Gewicht hat sich zwischenzeitlich wieder in Positives entwickelt. Das ist eigentlich negativ, aber als Werbeschaffender ist man geübt darin, die Dinge etwas zu verdrehen oder zu „optimieren“, wie man bei uns sagt. Mein Gewicht hat sich also positiv entwickelt. Die Batterien meiner Wattpedale sind seit 2 Monaten leer, aber ich hatte irgendwie auch keine Muße mich damit zu befassen.

Ich muss an dieser Stelle zugeben: Ich hatte den Ötztaler ursprünglich als eines von vielen Hobbyamateurveranstaltungen in mein anfängerhaftes Hirn einsortiert. Ich lernte schnell, dass dem nicht so ist. 

Kieselsteine

Der Ötztaler Radmarathon ist die wohl am besten dokumentierte Hobby Sonntagsrunde der Amateur Radsport Geschichte. Keine Kurve, die nicht in ihrer gesamten Epik beschrieben und katalogisiert wurde. Eine ganze Industrie an Blogs, Podcasts, E-Books und privaten Trainern ballen sich um das Thema „Ötztaler Radmarathon“. Selbst meine kleine Anekdote um Wartelisten auf Regenschuhe bei der Pressekonferenz schaffte es direkt am Tag nach dem Rennen in andere Blogs. Der Ötztaler hat sogar eine eigene Meteorologin am Start. Mein Video von der Pressekonferenz wird auf einen Schlag von knapp tausend Menschen gesehen.

Solange ich also keine eigene auf Kieselstein und Asphalt abgestimmte Reifenstrategie vorlegen kann, werde ich diesem Fundus an Kollektivwissen wohl nichts hinzufügen können. Am Ende bleiben es vier Anstiege, die wie ein Quantenobjekt Himmel und Hölle gleichzeitig sind. Dazu noch eine Prise unberechenbares Wetter und man hat die Zutaten für die epischste Ausgabe des epischtesten aller epischen Amateur Radsport Events – in meinem Fall die Edition 2018.

Doch während das Event selbst episch gut dokumentiert ist, ist die soziale Rezeption drumherum viel interessanter. Das merkt man relativ schnell nach der Anmeldung. Während sonst Antworten auf: „Was steht dieses Jahr an?“, beim Gegenüber Reaktionen, wie „cool“, „wo ist das?“ oder „Ja, Schweden soll schön sein,“ kommen, gibt es im Kreis der Eingeweihten beim Begriff „Den Ötztaler“ meist nur eine, sehr simple Reaktion:

 „Oh!“

Subtext und Gesichtsausdruck fügen dem noch folgende Variationen und  Gedankengänge hinzu: „Oh! – mein Gott“, „Oh! – ich hoffe er weiß, was er da tut“ und natürlich: „Oh! – Schmerzen.“

Die Kühe dort fressen Carbon zum Frühstück.

Ab und zu hat man auch das Glück auf Veteranen zu treffen. Mit plötzlich auftretenden Zuckungen schmeissen sie dann meist mit Überlebenstipps um sich:

„Sieh zu, dass Du mindestens 12.000km und 50.000hm in den Beinen hast, wenn Du im September am Start stehst. Ich bin mal mit 8.129km und nur 42.000hm gestartet. Ich sag‘ Dir (…lange epische Pause…) – das war kein Spaß!“

Oder:

„Und pass auf Viecher bei den Abfahrten auf. Ich sag‘ dir – die Kühe dort fressen Carbon zum Frühstück!

Und natürlich der Klassiker:

„Nimm auf jeden Fall alle 3 Minuten mindestens 3.000 Kalorien zu Dir. Ich sag‘ dir – du verreckst sonst schon am ersten Berg!

Die Umschreibung des Ötztaler Radmarathon in der Vorbereitung gleicht einem Himmelfahrtskommando, zu dem man sich freiwillig gemeldet hat. Bei einem durchschnittlichen Ötztaler Neuling ist es dann meist so, dass dieser bereits nach kurzer Zeit knietief in einem Orkan aus Informationen versinkt. Man interessiert sich plötzlich für Pacing Tabellen in Google Docs und studiert die chemische Zusammensetzung von Maltodextrose, während der oder die Lebenspartnerin eine Affäre oder zumindest ein solides Drogenproblem vermuten. Man klammert sich an vermeintliche technische Wunderwerke oder den Versuch das Leiden durch Gewichtsoptimierung zu mildern.

Tritt man einen Schritt zurück, führen all diese Fragmente in Summe auf eine zentrale Kernaussage hin. Ich präsentiere: die einzig wahre, ungeschriebene Regel des Hochleistungshobbyradsports:

Geschichte wird von Finishern geschrieben.

Womit wir beim Flux Kompensator der ganzen Massenhysterie angekommen sind.

Finisher sind so was wie Superhelden. Die Medaillen stapeln sich zu Hause überm Klo, sie fahren das coolste Spielzeug und haben Fans am Wegesrand in Form von Gatte, Gattin und Kind stehen, die wirklich dachten, das würde so eine Art netter Familienurlaub im Grünen werden.

Um einen Finisher raunt sich eine Aura des Unantastbaren. Auf der Hausrunde wird genau abgewogen, ob dieser wirklich überholt werden darf oder man Gefahr läuft, in eine Blamage epischen Ausmaßes zu laufen, weil man anschließend am Berg mit 42km/h freihändig und an der Flasche nuckelnd überholt wird. In der Welt der Finisher existieren „normale“ Finisher – etwa die eines 300km Breitensport Events mit Seeblick oder einer kleinen Sightseeing Rundfahrt in der Stadt – und eben „Ötztaler Finisher“. Jene Helden in Lycra, die mal eben durch Österreich nach Italien für einen Espresso fuhren, ohne einen Cent Maut zu bezahlen.

Das Shirt

Zu erkennen sind Finisher an ihrem Finisher Shirt. Klingt erstmal logisch, muss aber auch einmal festgehalten werden. Von allen Finisher Shirts, ist das Ötztaler Shirt wohl das eine, um sie alle zu knechten. Das Tragen dieses Shirts gleicht mehr einem Symbol, so wie das Bat-Signal am Nachthimmel symbolisiert, dass es gleich rund geht. Es dokumentiert, dass der oder die Trägerin mit 42km/h, 8000 Watt und großem Blatt durch das eisige Auge des Timmelsjochs gefahren ist, dort von kosmischer Energie ummantelt wurde und von nun an reines Carbon durch die Adern fließt. Dazu sei gesagt, dass man als Finisher natürlich die Heldengeschichte nach belieben ausschmücken darf. Man ist ja schließlich Finisher.

Dass Erreichen der Ziellinie ist als echter Finisher dann natürlich auch mehr so eine Art Formalie und so fährt man als frisch gebackener Superheld der Ötztal Avengers zurück in die Heimat um Geschichten von den Pässen weit, weit entfernt zu erzählen, während man die Hausrunde extra langsam fährt.

Das Leben danach

Hier offenbarte sich eine wesentliche Änderung zu anderen Events. Denn früher – bevor ich Ötztaler Finisher wurde – war das alles viel lustiger. Ich konnte fröhlich vor mich hin erzählen, ich sei hier und dort gefahren, hätte Unicorncycling getroffen, 2 Kilo an einem Tag bei der MSR verloren oder durfte am Mammolshainer Stich lernen wie sich Medienpräsenz bei 23% so anfühlt.

Jetzt – nachdem ich Ötztaler Finisher wurde – muss ich behutsam mit der Antwort auf die Frage: „Und, was bist Du  letztes Jahr so gefahren?“ umgehen. Denn ohne Vorwarnung dem Gegenüber gleich „Den Ötztaler“ ins Gesicht zu blasen ist wie ein thermonuklearer Erstschlag als Antwort auf einen verirrten Ferienflieger aus Brexitannien.

Man muss wissen, diese Frage ist unter Rennradfahrern mehr als nur Small Talk. Anhand dieser Frage lässt sich in Bruchteilen von Sekunden der gesamte rad-soziale Habitus des Gesprächspartners ableiten. Entscheidend ist die Reaktion auf die Aussage: „Den Ötztaler“.

Das Lamm

Die häufigste Gegenfrage lässt sich grob in die Kategorie „Informationsbedarf“ einordnen. Sie lautet:

„Aha, wie viele Kilometer fährt man da?“

In dem Moment weiß man, dass man unschuldiges Lamm vor sich hat. Ein Unwissender. Genau für solche Situationen hat die deutsche Sprache den Nebensatz erfunden. Der Nebensatz ist eine großartige Möglichkeit auf eine beschämend lässige Art einen Kryptonit gleichen Dolch ins das Gespräch zu jagen:

„Ach nur 230km. Oder so.“

Um direkt danach mit einem Fingerschnippen hinterherzuschieben:

„Das geht aber. Das ist gar nicht das Schlimme…“

Das arme Lamm liegt damit vollkommen hilflos in der Falle. Wie? „230km“ und dann auch noch „nicht schlimm“? Man muss wissen: das Durchschnittslamm hat 23 von 24 Monaten Fitness Club nur im Kopf besucht und kennt die Länge der Jogging Strecke auf die Nachkommsstelle genau. Weil 1,2km nämlich echt viel sind, aber noch nicht nah genug an 1,5km um sagen zu können: „Anderthalb“. Ein Fahrrad ist für ein Lamm ein Kurzstrecken Transportmittel, daher gleicht die Kombination aus „230km“ und „oder so“ in etwa einer taumelnden K.O. Links Rechts Kombination von Mike Tyson in Runde 1.

Das Geniale ist aber der Zusatz „Das ist aber gar nicht das Schlimme“ Spätestens in diesem Moment weiten sich die Pupillen, denn wie in aller Welt können 230km nicht schlimm sein? Aber das war nur die Vorbereitung für den ultimativen Finishing Move aus Ötztal:

Fünftausendfünfhunderthöhenmeterzumfrühstückmeinfreund.

Der Anwärter

Eine anderer Typus ist der des Anwärters. Anwärter entgegnen auf „Den Ötztaler“ im Duktus von „Ach? Und war gut?“ (..) Natürlich war das nicht nur „gut“. Strava KOMs sind „gut“. Espresso Runden sind „gut“. Meinetwegen ist der Rapha Festive 500 auch „gut“. Aber der Ötztaler..! Der Ötztaler ist episch! Helden in Lighweight Lycra, die an einem Tag über vier Pässe fahren und dabei so viele Flutschis und Maltrodextose vertilgen, wie sonst in vier normalen Rennradfahrerleben. Eine Schlacht mit Abfahrten nah der Schallmauer und Gipfeln, so hoch, dass man von der ISS aus mit anfeuern kann. Schließlich lässt man noch fallen, dass allein die 9% Auffahrt zum Timmelsjoch so lang ist, wie daheim die Hausrunde und das Boot ist versenkt. Wer Christopher Nolans Film „Inception“ gesehen hat, weiß, dass im Anwärter in diesen Sekunden eine Idee geboren wurde, die ihn in den nächsten Jahren Monate an Lebenszeit und tausende von Euros kosten wird.

Die richtigen Finisher

Und schließlich trifft man auf „sie“. Die „richtigen“ Finisher. Das Antwortmuster ist denkbar einfach: „Ach, du auch?“

Das sind so welche wie Lisa Brunnbauer, die mich frisch geduscht und in Baumwolle im Ziel empfängt. Weil sie ja schon seit drei Stunden im Ziel ist und nicht weiß, was sie sonst mit der vielen Zeit so anfangen soll. (Kudos hierher und hierher)

Oder Benjamin Höfle, der mir vor dem Ötztaler 2018 noch via Facebook viel Glück wünscht, sich mit einem Gravelbike durchbeisst, gerade so durch den Jaufenpass schlupft und dem Besenwagen in den M TwinPower Motor spuckend entkommt, um als epischster aller epischen Finisher im epischsten Ötztaler Radmarathon aller Zeiten ins Ziel zu kommen. Er erreicht um 20:15 Uhr nach 13 Stunden und 25 Minuten als letzter Finisher des Ötztaler Radmarathons 2018 das Ziel. Ich laufe zufällig vorbei und feiere ihn zusammen mit den anderen frenetisch. (Kudos hierher)

Und schließlich sind das so welche wie Marcel Noack, die man bei der Abreise vor dem Hotel trifft. Unter 8 Stunden? Geschenkt. Kann jeder. Richtige Finisher wie er brechen sich mit 8000W und 73,8km/h bergauf beim ersten Pass wegen einer blöden Carbon fressenden Kuh die Hüfte. Sie richten sich mit dem kleinen Finger – der blau durchfrostet von Eis, Regen und Schnee schon seit Stunden kein Gefühl mehr hat – wieder aufs Rad, um einbeinig und mit großen Blatt das Ding zu Ende zu bringen. (Kudos hierher)

In diesem Moment ist die Welt wieder in Ordnung für mich. Es fühlt sich endlich wieder alles normal an. In diesem Moment weiß ich: Ich bin ein normaler Finisher.

Vielen Dank Ötztal. Was ein Ritt.

Strava Track: https://www.strava.com/activities/1815165264

2 Gedanken zu „Der Ötztaler

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