Ötztaler 2018 / Ep.2 // Negatives Gewicht

Zwei Rennfahrer aus dem Norden melden sich für den Ötztaler Radmarathon 2018. Zwei Blogs berichten über die Vorbereitung aus zwei Perspektiven. Auf VeloQ.de findet Ihr die ganze Rennradfahrer Wahrheit. Cervelobabe.com kommentiert von der Seitenlinie.

Hier geht’s zum Gegenartikel auf Cervélobabe.com


Für einen echten Rennradfahrer ist „schnell“ kein Attribut. Es ist eine Lebenseinstellung. Es ist die einzig gültige Antwort auf alle Fragen des Lebens. Zu wenig Kilometer im Jahr geschafft? Nächstes Jahr schneller fahren! Keine Zeit für einen kleinen 300er vorm Frühstück? Früher aufstehen, schneller fahren! Keine Kohle auf dem Konto? Schneller fahren, Zeit für Zweitjob, schneller Geld ins Portemonnaie! Ein Rennradfahrer sieht daher auch nicht „gut“ aus, sondern „schnell“. Und das schönste Wetter ist Rückenwind, denn Rückenwind ist schnell. Selbst der Unterschied zwischen normalen Fahrrad- und Rennradträgern fürs Autodach bedient die Logik: mit Rennradträgern kann man schneller Auto fahren als mit normalen, also kann man am Ende mehr Rennrad fahren. Und das ist gut, denn wer mehr Rennrad fährt wird schneller und damit sind wir wieder an Punkt A. Ein herrlicher rotierender Kreisel im Glanze der Geschwindigkeit.

„Das schönste Wetter ist Rückenwind, denn Rückenwind ist schnell.“

Nun gibt es bei dieser Veranstaltung namens „Ötztaler Radmarathon“ vier zusätzliche Herausforderungen, die sich „Pässe“ nennen. Das sind Straßen, die auf einen Berg hinauf und – das ist der eigentlich wichtige Teil – wieder herunter führen. Auf diesem Teil kann man schneller werden als je zuvor. Während normale Menschen also von Hügeln, Anstiegen und toller Landschaft sprechen, sprechen Rennradfahrer eindrucksvoll von „Pässen“, um zu unterstreichen, dass es sich um diese besondere Form von schnellen Straßen handelt.

Im April diesen Jahres tippte ich in das Eingabefeld einer US-amerikanischen Suchmaschine die Worte „Ötztaler Radmarathon Höhenprofil“ und bekam spontane Schweißausbrüche. Gemessen an den Höhenmetern hier im Flachland gleichen die Zahlen mehr der Reise zum Mond, als einer sportlichen Ertüchtigungsveranstaltung. Ich schaute mir daraufhin Filme und Dokumentationen über Extremkletterer und Himalaya Expeditionen an, um mehr über das Operationsgebiet zu lernen. Ich suchte bei Rapha nach Kompressionsbekleidung, um den zu erwartenden niedrigen Luftdruck begegnen zu können und schaute ob es Dura-Ace Sauerstoffflaschen aus Carbon gibt. Ich las, dass diese Erhöhungen durch einen geologischen Mechanismus namens „Plattentektonik“ entstehen. Das Zielgebiet hört auf den Namen „Alpen“ und hat unter anderem Aperol Spritz hervorgebracht. Der Boss in dieser Hood war wohl ein gewisser „Hannibal“, der eine Horde Elefanten auf Sandalen darüber getragen hat, nur um den Römern zu zeigen, wer den längsten Rüssel am Pass hat.

Ich studierte weiter: Gewicht ist eine wesentliche Komponente für Geschwindigkeit bei diesen Pässen. Je weniger Gewicht, desto schneller, also besser. Ich fing an, Pinarello zu optimieren. Dura-Ace Komponenten, leichtere Schläuche und Züge aus Titan brachten sofort 138g Gewichtsersparnis. Das Weglassen des zweiten Trinkflaschenhalters half mit zusätzlichen 27g, so dass ich bei satten 155g Gewichtsoptimierung für nur 658 EUR lag. Nur half das leider nix. Denn ich hätte auch einfach einmal – kostenlos – pinkeln können und 155g im Schatten von 5.500 Höhenmetern ist ungefähr so, als würde man mit zwei Eiswürfeln die Erderwärmung stoppen zu wollen.

Ein Versuch war aber es wert. Denn so ist es mit Reisen ins große Unbekannte – Dorthin, wo noch nie ein Flachländler jemals zuvor gewesen ist. Die Jungs von der NASA wussten in den 60ern schließlich auch nicht genau, wie sie das Rennen zum Mond gewinnen sollen, für das Kennedy einfach eine Startnummer gezogen hat.

So entdeckte ich beinahe zufällig einen potenziell nutzbaren physikalischen Effekt, den ich auf den Namen „Negatives Gewicht“ taufen möchte. Es ist eine weitere Gewichtsoptimierung jenseits der Möglichkeiten von Carbon und Titan: Die Gewichtsoptimierung auf menschlich-zellulärer Basis. Bei Marvel Filmen würde jetzt eine bunte Animation von Molekülen zu dramatischer Musik ablaufen – schnöde gesagt kann man es aber auch einfach „Abnehmen“ nennen. Aber da würde der epische Charakter fehlen, der auch den Unterschied zwischen den Wörtern „Straße“ und „Pass“ ausmacht.

Ich benötigte im April also recht zügig, recht große Mengen an „Negativem Gewicht“. Ich ging verschiedene Optionen durch und fing an, mich ausschließlich vegan zu ernähren. Wohlgemerkt nicht mit dem Ziel, Tiere zu schützen, den CO2 Ausstoß der Agrarindustrie durch bewussten Konsum zu steuern oder gar die Welt zu retten. Nein. Mein Ziel war noch viel größer und einzig eines Rennradfahrers würdig: Ich wollte schneller werden.

Dabei stellte sich vegan als ideale Methode für mich heraus. Das Zeug kommt ohne Milch, Käse, Fleisch und (Milch-)Schokolade aus. Es hat daher schonmal weniger Umdrehungen als normales Essen und ist damit reich an „Negativem Gewicht“. Zum anderen ist Salat mit Nüssen auf Dauer so spannend, wie dem Salat samt Nüssen beim Wachsen zuzusehen, so dass man aufgrund fehlenden Appetits wieder weniger isst und somit noch mehr „Negatives Gewicht“ in sich rein lädt.

Das Ganze kombiniert mit dem Verzicht auf Zucker und schon landet man bei einer schneller machenden Wasser, Brot und Erdnussbutter Diät, kombiniert mit schneller, zuckerfreier Mandelmilch.

Auf diese Weise konnte ich 0,5 Watt/kg schneller werden und lande bei einer aktuellen Schubkraft von 3,52 Watt/kg. Im irdisch-metrischen System entspricht das einem Negativen Gewicht von runden -10,6kg. Hier als konkreter Effekt von 88,6kg runter auf 78,0kg. Hätte ich das mit Pinarello umgesetzt, wäre der Italiener jetzt auf einem Gesamtgewicht von -3,3kg und würde schweben. Da soll mir also nochmal einer mit Titanschrauben kommen.

Mein großes Vorbild Pantani schien übrigens auch bei 400 Watt und 56kg bereits unbewusst Unmengen an negativem Gewicht bei sich verbaut zu haben.

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